Diabetes und Zahnfleisch
Jede Seite verschlechtert die andere — und jede Behandlung hilft beiden.
Von allen Verbindungen zwischen Mund und Körper ist diese die am besten belegte. Sie ist auch die einzige, bei der sich die Wirkung der zahnärztlichen Behandlung in einem Laborwert nachweisen lässt.
Warum Diabetes dem Zahnfleisch schadet
- Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker verändert die kleinen Blutgefäße; das Zahnfleisch wird schlechter versorgt.
- Die Abwehrzellen, die Bakterien beseitigen, arbeiten weniger wirksam.
- Wunden heilen langsamer — auch die mikroskopisch kleinen Wunden am Zahnfleischrand.
- Im Gewebe entstehen Verbindungen aus Zucker und Eiweiß, die die Entzündungsreaktion verstärken und den Knochenabbau fördern.
- Der Speichelfluss ist oft vermindert, und der Zuckergehalt des Speichels ist erhöht — beides begünstigt Karies zusätzlich.
Das Ergebnis: Parodontitis kommt bei Menschen mit Diabetes häufiger vor, beginnt früher und verläuft schwerer. Sie gilt fachlich als eine der Folgeerkrankungen des Diabetes — neben Augen, Nieren, Nerven und Gefäßen, nur weniger bekannt.
Und in die andere Richtung
Eine chronische Entzündung setzt Botenstoffe frei, die die Wirkung des Insulins an den Körperzellen dämpfen. Die Bauchspeicheldrüse muss gegenanarbeiten, die Einstellung wird schwieriger. Menschen mit unbehandelter Parodontitis haben im Mittel schlechtere Langzeitzuckerwerte als vergleichbare Patienten mit gesundem Zahnfleisch.
Nach einer Parodontitisbehandlung sinkt der Langzeitzuckerwert in Untersuchungen um einen Betrag, der in der Größenordnung dessen liegt, was ein zusätzliches Medikament bewirken kann. Für eine zahnärztliche Maßnahme ist das bemerkenswert — und ein Argument, das in beide Sprechzimmer gehört.
Was zu tun ist
- Den Diabetes in der Zahnarztpraxis angeben, mit dem aktuellen Langzeitzuckerwert. Er verändert Behandlungsplanung und Nachsorgeintervall.
- Das Zahnfleisch mindestens einmal jährlich messen lassen, nicht nur alle zwei Jahre.
- Kürzere Nachsorgeabstände — in der Regel drei bis vier Monate.
- Die Zahnzwischenräume täglich reinigen. Bei erhöhtem Risiko ist dieser Schritt nicht verhandelbar.
- Auf Mundtrockenheit achten und ausreichend trinken; zuckerfreie Kaugummis regen den Speichel an.
- Auf Pilzbefall achten. Weißliche Beläge, brennende Schleimhaut und Risse in den Mundwinkeln kommen bei Diabetes häufiger vor und gehören behandelt.
- Termine am Vormittag und nach einer Mahlzeit legen, um Unterzuckerungen im Behandlungsstuhl zu vermeiden. Etwas Traubenzucker dabeizuhaben, ist eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme.
Umgekehrt: wenn die Praxis etwas findet
Eine ausgeprägte Parodontitis bei einem Menschen, der nichts von einem Diabetes weiß, ist ein ernstzunehmender Hinweis. Nicht wenige Diabeteserkrankungen werden erst spät erkannt. Wenn eine Zahnärztin nach ungewöhnlich starkem Durst, häufigem Wasserlassen, Müdigkeit oder unerklärtem Gewichtsverlust fragt und einen Hausarztbesuch anregt, ist das keine Zuständigkeitsüberschreitung, sondern begründet.