Medikamente, Speichel und Mundtrockenheit
Speichel ist der wichtigste Schutz, den der Mund hat — und er lässt sich verlieren.
Speichel wird selten erwähnt, wenn es um Zahnpflege geht, und leistet doch den größten Teil der Arbeit. Er spült Reste und Bakterien fort, neutralisiert Säuren innerhalb weniger Minuten, liefert Kalzium und Phosphat für die Wiedereinlagerung in den Schmelz, enthält antibakterielle Eiweiße und hält die Schleimhaut geschmeidig.
Fällt er aus, fällt all das aus. Ein trockener Mund ist deshalb nicht nur unangenehm; er ist ein handfester Risikofaktor für Karies — und zwar für eine besonders schnell fortschreitende Form.
Woran man es merkt
- klebriges Gefühl, die Zunge haftet am Gaumen
- Schwierigkeiten beim Sprechen über längere Zeit und beim Schlucken trockener Speisen
- brennende Zunge, gerötete oder rissige Schleimhaut
- Risse in den Mundwinkeln
- veränderter Geschmack
- Mundgeruch
- Prothesen, die plötzlich schlecht sitzen oder scheuern
- neue Kariesstellen in kurzer Zeit, oft an den Zahnhälsen
Die häufigste Ursache sind Medikamente
Mehrere hundert Wirkstoffe können den Speichelfluss vermindern. Besonders häufig:
- Entwässerungsmittel und Blutdrucksenker
- Antidepressiva und Neuroleptika
- Antihistaminika gegen Allergien
- Mittel gegen Reizblase und Inkontinenz
- starke Schmerzmittel aus der Opioidgruppe
- Mittel gegen Übelkeit und gegen Parkinson
- abschwellende Nasensprays bei längerer Anwendung
Der Effekt summiert sich: Wer mehrere solcher Medikamente gleichzeitig nimmt, ist deutlich stärker betroffen. Das erklärt, warum Mundtrockenheit im höheren Lebensalter so verbreitet ist — nicht das Alter selbst ist die Ursache, sondern die Zahl der Präparate.
Weitere Ursachen sind eine Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich, das Sjögren-Syndrom, ein schlecht eingestellter Diabetes, Flüssigkeitsmangel, ständige Mundatmung und Alkohol.
Was hilft
- Über den Tag verteilt Wasser trinken, in kleinen Mengen. Eine Flasche in Reichweite wirkt zuverlässiger als ein Vorsatz.
- Zuckerfreien Kaugummi kauen, am besten mit Xylit. Kauen ist der stärkste natürliche Reiz für den Speichelfluss.
- Speichelersatz als Spray oder Gel, besonders für die Nacht.
- Intensive Fluoridierung: fluoridhaltige Zahnpasta, zusätzlich ein Gel einmal wöchentlich, bei hohem Risiko eine hochkonzentrierte Zahnpasta auf Rezept.
- Kürzere Kontroll- und Reinigungsabstände. Karies entsteht hier schneller als sonst.
- Auf Zuckerfreies achten — auch bei Lutschtabletten gegen den trockenen Mund selbst.
- Alkohol und Koffein begrenzen, beide trocknen zusätzlich. Mundspülungen mit Alkohol meiden.
- Die Raumluft befeuchten, besonders im Schlafzimmer.
Und der wichtigste Punkt: Sprechen Sie mit der Ärztin, die das Medikament verordnet hat. Manchmal gibt es innerhalb derselben Wirkstoffgruppe ein Präparat mit geringerer trocknender Wirkung, manchmal lässt sich die Einnahmezeit verlegen. Medikamente werden deswegen nicht eigenmächtig abgesetzt — aber die Frage zu stellen lohnt sich, und sie wird selten gestellt.
Wurzelkaries: die typische Folge
Bei Mundtrockenheit entsteht Karies bevorzugt am Zahnhals, dort, wo das Zahnfleisch zurückgegangen ist. Diese Fläche hat keinen Schmelz; sie wird schon bei einem höheren pH-Wert angegriffen als die Zahnkrone und schreitet deutlich schneller voran. Ohne die puffernde Wirkung des Speichels fehlt der wichtigste Gegenspieler.
Wer freiliegende Zahnhälse und einen trockenen Mund hat, gehört in kurze Kontrollabstände und braucht Fluorid in höherer Konzentration. Das ist kein Übermaß an Vorsicht, sondern die Antwort auf ein real erhöhtes Risiko.